Rollentausch
Zwei Platzhalter
Von Foerster hat ein doppelt geschlossenes System mit zwei Schleifen beschrieben und für die beiden Stellen zwei Buchstaben eingesetzt. Was diese Stellen in der Kommunikation konkret sind, sagte er nicht. Die Buchstaben blieben Platzhalter, und so stehen sie bis heute in seinem Text.
Wer sie als zwei Dinge liest, die aufeinander einwirken, verfehlt die Pointe. Es sind keine Instanzen. Es sind zwei Stellen, die eine Operation einnehmen kann — und die Stellen sind tauschbar. Was eben an der einen stand, steht im nächsten Moment an der anderen, ohne dass sich am Gesagten etwas ändert.
Im Vollzug
Im Vollzug operiert das System, ohne sich zu beobachten. Kommunikation schließt an Kommunikation an, die Anschlussregel bestimmt, was sagbar ist — aber sie selbst ist nicht sichtbar. Sie ist der Boden, auf dem alle stehen, und niemand sieht den Boden, weil alle auf ihm gehen.
In diesem Modus treibt die Kommunikation. Sie erzeugt Anschlüsse, sie wählt aus, sie hält das Geschehen in Gang. Und während sie das tut, entsteht nebenher das Feld: eine gemeinsame Ordnung, die niemand beschlossen hat und die trotzdem regelt, was als Nächstes gehen kann. Das eine operiert, das andere entsteht.
In der Selbstbeobachtung
Sobald die Verbindung hergestellt ist, die den zweiten Kreis schließt, kehrt sich die Ordnung um. Was eben noch getrieben hat, wird jetzt zum Feld — nicht mehr das, was den nächsten Satz erzeugt, sondern das, was ihn begrenzt. Die Ordnung, die im Vollzug unsichtbar mitlief, wird als Ordnung erkennbar: als eine unter möglichen anderen, nicht als die einzige.
Und was eben bloß entstand, wird zur Kommunikation, die man beobachten kann. Das System sieht sich selbst operieren. Es sieht, dass es nach einer bestimmten Regel operiert — und dass diese Regel auch anders ausfallen könnte.
Der Inhalt bleibt derselbe. Die Ordnung wechselt. Das ist der Rollentausch.
Die Bedingung
Der Rollentausch ist keine Fähigkeit, die Beteiligte erlernen. Er ist eine Möglichkeit, die die Bauweise eines Raums eröffnet oder verschließt. Fehlt die eine Verbindung, die McCulloch als die Linie vom innersten zum äußersten Kreis beschrieben hat, bleibt das System im Vollzug: es treibt, das Feld entsteht, und der Wechsel ins Sehen ist ausgeschlossen — nicht verboten, sondern nicht gebaut.
Das ist der Grund, warum Anstrengung nicht reicht. Ein Kreis von Leuten kann sich vornehmen, reflektiert zu sein, kann beschließen, die eigenen Voraussetzungen zu prüfen — wenn die Verbindung fehlt, gibt es nichts, worauf der Vorsatz operieren könnte. Er verhungert. Nicht aus Mangel an Willen, sondern aus Mangel an einem Weg.
Übertragen auf das, was im Raum hörbar ist: Der Zweifel erreicht die Gewissheit nicht — nicht weil er zu schwach wäre, sondern weil der Weg fehlt. Ist die Verbindung da, kann die Perspektive wechseln. Möglich, nicht garantiert.
Und wenn die Perspektive wechselt, sind zweierlei Ausgänge möglich, nicht einer. Die Regel kann sich ändern — das ist der Umschlag. Und die Regel kann, gesehen, bestehen bleiben: erreicht und weitergegeben, wie ein Team bei der Schichtübergabe seine junge, noch ungefestigte Ordnung ausdrücklich zum Gegenstand macht — gerade damit sie den Personalwechsel übersteht. Bewahrung ist kein Ausbleiben. Sie ist ein eigenes Produkt: die operative Form, eine Regel revidierbar zu halten.
Leseanweisung
Der Rollentausch ist die Figur, die alle anderen Zettel durchzieht — oft ohne benannt zu werden. Wo von Vollzug und Selbstbeobachtung die Rede ist, von der Sichtbarkeit der Anschlussregel, vom Unterschied zwischen einer Operation und der Beobachtung dieser Operation: dort operiert der Rollentausch. Er ist die Brille, durch die die doppelte Schließung lesbar wird.
Wenn der Zettel Umschlag den Moment beschreibt, in dem sich verändert, was sagbar ist — dann setzt dieser Moment voraus, dass das System seine Anschlussregel überhaupt sehen kann. Der Rollentausch ist die Bedingung des Umschlags: ohne den Perspektivwechsel bleibt die Regel unsichtbar und kann sich nicht als Regel zeigen.
Wenn der Zettel Semantische Marker beschreibt, wann ein Marker vital operiert, dann stellt der Marker genau die Verbindung her, die den Kreis schließt. Er macht die Ordnung sichtbar, die im Vollzug den Boden bildet.
Was dieser Zettel nicht zeigt
Wie die beiden Schleifen zusammenhängen und woran es hängt, ob ein System sich selbst sehen kann — zeigt der Zettel Doppelte Schließung.
Was im Moment des Umschlags geschieht — wenn die Anschlussregel sich im Vollzug verändert und warum sich dieser Moment nicht steuern lässt — zeigt der Zettel Umschlag.
Die formale Durchführung — von Foersters Notation, die beiden Buchstaben und die Unterscheidung, die verhindert, dass man sie miteinander verwechselt — steht im Aufsatz unten. Für den Rollentausch als Beobachtung wird sie nicht gebraucht.